Kaum ein anderer Glaubenssatz wird mir öfters in unzähligen Varianten "ans Herz gelegt". Doch kann ich meinem Herzen wirklich vertrauen?
Ende der 1970er Jahre veröffentlichte der russische Regisseur Andrei Tarkowski den Film "Der Stalker". In seinem düsteren Zukunfts-Szenario dreht sich alles um eine verbotene "Zone", in deren Zentrum sich ein Geheimnis-umrankter Raum befinden soll - ein Raum, in welchem die tiefsten Wünsche der Besucher in Erfüllung gehen. Ein geheimnisvoller Führer - der Stalker - lotst in langen, langsamen Szenen zwei Begleiter durch die Irrungen und Gefahren der Zone, immer dem Raum entgegen. Und je näher sie dem Raum kommen, desto unsicherer, aufgewühlter werden die beiden Besucher. Was wird in diesem Raum wirklich geschehen? Werden die tiefsten Wünsche wirklich in Erfüllung gehen? Und wenn ja - welche Wünsche werden das sein?
Der Stalker erzählt unterwegs die Geschichte seines Lehrers, der von Habgier getrieben seinen Bruder in der Zone verlor. Er suchte den Raum auf, in der Hoffnung seinen Bruder wieder zu erhalten, erhielt aber lediglich unermesslichen Reichtum - sein Bruder blieb tot. So vor Augen gehalten zu erhalten, was seine tiefsten Wünsche wirklich sind, trieb diesen Mann in den Suizid.
Als die drei schliesslich das Zentrum der Zone erreichen und den Raum betreten könnten, bleiben sie unschlüssig stehen. Keiner bewegt sich. Zu gross scheint das Risiko, den Raum zu betreten. Geoff Dyer, der ein Buch über diesen Film geschrieben hat, bringt die Angst der Protagonisten auf den Punkt:
Der Raum bringt alles an den Tag: Man bekommt nicht, was man sich am meisten zu wünschen glaubt, sondern das was man sich wirklich am meisten wünscht.
Mein deformiertes Herz
Tarkowskis Auseinandersetzung mit den Tiefen unseres Herzens hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich frage mich: Würde ich es wagen, den Raum zu betreten? Voller Freude und Hoffnung, dass meine hehren Wünsche jetzt endlich Erfüllung bringen? Oder hätte auch ich Angst, böse überrascht zu werden? Wie sehr vertraue ich meinem Herzen und meiner eigenen Kenntnis davon, was es sich wünscht?
Ich frage mich: Würde ich es wagen, den Raum zu betreten?
Ganz ehrlich: Falls ich es wagen würde, mich in "den Raum" zu begeben - ich täte es mit Furcht und Zittern. Und das ist wohl auch gut und gesund so - spätestens die moderne Psychologie hat uns gelehrt, dass unter der Oberfläche unseres Bewusstseins viel Unbewusstes von Statten geht, das sich unseren moralischen Normen und unserem guten Willen entzieht. (Diese Einsicht ist aber gar nicht so neu - im Prinzip ist vieles davon auch bereits in der Weisheitsliteratur der Bibel auf vielfältige Art beschrieben).
Ich stelle also fest: Die Aufforderung, den Wünschen meines Herzens zu folgen, tönt höchstens auf den ersten, oberflächlichen Blick befreiend. Wenn ich ehrlich bin - und der fiktive "Raum" hilft mir, das zu erkennen - misstraue ich meinem Herzen. Ich bin nicht sicher, was sich darin verbirgt. Doch ich fühle zutiefst: Irgend etwas stimmt damit nicht. Es ist deformiert. Es ist ängstlich. Es ist verletzt. Es klammert und kontrolliert.
Die Aufforderung, den Wünschen meines Herzens zu folgen, tönt höchstens auf den ersten, oberflächlichen Blick befreiend.
Die Bibel hat ein - oft missverstandenes - Konzept für diesen Herzenszustand: Das Konzept der Sünde. Gottes Wort analysiert schonungslos: Mit dem Herzen jedes Menschen stimmt tatsächlich etwas nicht. Wir tun gut daran, unseren innersten Wünschen zu misstrauen. Wir tun gut daran, an der Tür "des Raumes" zu zögern.
Heilung
Diese Feststellung an sich wäre nun ziemlich deprimierend. Doch die Botschaft des Evangeliums bleibt dabei nicht stehen. Jesus, die zentrale, göttliche Person der biblischen Geschichte sagt von sich selbst:
Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder. Markus 2, 17
Sünde ist nicht die Angstkeule, mit welcher die Kirche schwingt um uns mit Zwang zu guten Menschen zu erziehen. Sünde ist ganz einfach die Krankheit unseres Herzens. Gott macht uns darauf aufmerksam wie ein Arzt, der einem Patienten eine harte, aber ehrliche Diagnose stellt: "Sie haben ein ernstes Herzleiden. Doch es gibt Hoffnung. Ich schlage folgende Therapie vor. Sie wird etwas kosten, nicht immer angenehm sein. Aber glauben Sie mir - es wird sich lohnen!"
Ja, mit meinem Herzen stimmt etwas nicht. Ich brauche Heilung. Mein Herz braucht Heilung. Gerade darum folge ich Jesus nach.