Hunger ist ein natürliches Signal des Körpers. Man unterscheidet dabei zwischen echtem physischem Hunger und emotionalem Verlangen.
Letzteres ist ein zentrales Lebensthema des Kirchenvaters Augustinus von Hippo. Er beschreibt diesen Hunger als eine tiefsitzende, existentielle Unruhe und ein unstillbares Verlangen des Menschen nach dem Schöpfer, das durch nichts Irdisches gestillt werden kann. Sein berühmtestes Zitat aus den Bekenntnissen (Confessiones) lautet:
Du hast uns zu dir hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir. – Augustinus
Augustinus ging davon aus, dass alles menschliche Verlangen im Grunde ein Verlangen nach dem Unendlichen ist. Egal wonach der Mensch strebt (Macht, Wissen, Liebe, Besitz), letztlich sucht er nach Gott selbst. Bevor er zu einem lebendigen Glauben an Gott fand, versuchte Augustinus seinen Hunger in weltlichen Freuden, den Wissenschaften und philosophischen Irrlehren zu stillen. Er musste erkennen, dass all dies die Seele nicht dauerhaft sättigen kann. Sie sind nur flüchtige Spiegel der göttlichen Schönheit.
Denn ihr sollt nicht nur mit dem Mund euren Hunger stillen, sondern auch eure Ohren sollen hungern nach dem Wort Gottes. – Augustinerregel 3.2
Siehe, Tage kommen, spricht der Herr, da sende ich Hunger ins Land, nicht einen Hunger nach Brot und nicht einen Durst nach Wasser, sondern ⟨danach⟩, die Worte des HERRN zu hören. – Amos 8,11
Der Mensch ist nach dem Bild Gottes erschaffen. Daher passt kein irdisches Gut in diese von Gott geschaffene Leere. Es ist Gott selbst, der dem Menschen diesen Hunger nach Vollkommenheit, Liebe und Ewigkeit eingepflanzt hat, damit er sich auf die Suche nach seinem Schöpfer macht.
Der Hunger nach Gott ist für Augustinus kein schmerzhafter Mangel, sondern der Motor, der den Menschen antreibt. Wenn der Mensch aufhört, sich an den oberflächlichen "Süssigkeiten" der Welt satt zu essen, und sich stattdessen Gott zuwendet, erfährt er tiefe Erfüllung, Frieden und Heimat.
In seiner theologischen Sichtweise (z.B. in De doctrina christiana) unterscheidet Augustinus zwischen zwei Arten, wie wir Dingen begegnen:
- Dinge, die man "benutzt" (uti): Dazu gehören alle irdischen Güter, materiellen Dinge und unsere weltlichen Erfolge. Sie haben keinen Selbstzweck, sondern sollen uns als Hilfsmittel dienen, um auf den rechten Weg zu kommen.
- Dinge, die man "geniesst" (frui): Nur Gott selbst ist das höchste Gut (summum bonum). Er wird um seiner selbst Willen geliebt und genossen.
Augustinus erkannte auch, dass nicht nur der Mensch nach Gott hungert, sondern dass auch Gott sich nach dem Menschen sehnt und diesem entgegenkommt.
Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat. Johannes 3,16