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Momente der Ewigkeit

Josua Hunziker Josua Hunziker

Es gibt Momente im Leben, die fühlen sich einfach richtig an. Genauso wie es eben sein sollte. Oft kommen sie überraschend. Meist sind sie viel zu schnell wieder vorbei.

Der perfekte Sonnenaufgang zum Beispiel. Der Gänsehaut-Moment in einem Konzert - plötzlich bin ich von einer Passage tief berührt. Der Moment, wo ich nach langen Strapazen auf einer Bergspitze stehe und in die Weite blicke. Der Moment, wo sich zwei Blicke kreuzen und unverhofft nicht mehr voneinander lösen.

Ich könnte die Welt umarmen. Und anhalten. So muss sie sein. Jetzt sollte alles stillstehen, innehalten, im Moment verharren. Ein Moment für die Ewigkeit. Ein Moment des - Himmels?

close up photography of woman wearing eyeglasses
Photo by Riccardo Fissore / Unsplash

Eigentlich bin ich ständig auf der Jagd nach solchen Momenten. Auf der Jagd nach dem "richtigen Zustand" der Welt. Wenigstens in meinem kleinen Universum sollte die Welt doch ab und zu in Ordnung sein. Die Jagd nach dem Glück.

Und doch stelle ich immer wieder fest, wie flüchtig sie sind, diese kurzen Ewigkeiten. Manchmal macht mich das ratlos. Ich spüre, dass ich solche Momente brauche, ja, ich habe das Gefühl, dass diese Momente etwas davon beinhalten, wofür ich eigentlich geschaffen bin. Und trotzdem folgt unweigerlich immer die Ernüchterung, das Zurückkommen auf den Boden der Tatsachen. Warum nur?

Resonanz

Der Soziologe und Autor Hartmut Rosa hat einen Namen für diese Momente gefunden - er nennt sie Momente der "Resonanz". In einem lesenswerten Interview mit dem Migros Magazin beschreibt er, was solche Resonanzmomente ermöglicht:

[Wir brauchen] Beziehungen zu Menschen und Dingen, die etwas in uns ansprechen, eine Resonanz auslösen. [...] Entscheidend ist, dass es das Andere ist, das zu uns spricht, etwas ausserhalb von uns, dass wir nicht kontrollieren können, vielleicht auch nicht vollständig verstehen.

Das erinnert mich sofort an meine Band - ein Haufen Musiker auf einer Bühne scheint mir gemäss Rosas Beschreibung ein idealer Ort, Resonanzmomente zusammen zu erleben. Da geschieht nur zu oft etwas Unvorhergesehenes... Im besten Fall beherrsche ich zwar mein eigenes Instrument, aber eigentlich ist es genau das Unkontrollierbare, was das Zusammenspiel mit meinen Freunden zu einem immer wieder einzigartigen Erlebnis macht! Die Momente, wo bei einem Auftritt etwas nicht nach Plan geht, jemand einem spontanen Impuls folgt und die ganze Band mit "aufsitzt" - sie gehören für mich persönlich zu den besten Erlebnissen überhaupt.

people playing guitars on the stage
Photo by Vidar Nordli-Mathisen / Unsplash

Was macht denn nun solche Resonanzmomente zu so etwas Besonderem, Essenziellen? Hartmut Rosa sagt weiter:

Wenn immer nur passiert, was wir erwarten, dann löst das nichts in uns aus, es gibt keine Resonanz. Entscheidend ist, dass wir erfahren: Das da hat mir etwas zu sagen. Etwas, das für mich relevant ist, das etwas Neues in mein Leben bringt, mich verändert. Oder mich von aussen überwältigt – etwas, dem ich nachgeben muss.

"Ja, genau", dachte ich, als ich diese Worte las. "Das ist genau was passiert, wenn ich den Sonnenaufgang sehe, mich von der Band mitreissen lasse, im Konzert Gänsehaut kriege. Ich werde verändert. Mein Horizont öffnet sich. Mein Leben erhält neue Impulse. Genau nach solchen Momenten sehne ich mich. Immer und immer wieder. Doch das Glück, das ich darin erlebe, hält einfach nicht an."

Eine sinnlose Jagd?

In meinem Hinterkopf nagt dementsprechend eine Frage: "Ist das denn richtig, immer wieder nach solchen flüchtigen Resonanzmomenten zu suchen? Gleicht es nicht einem Haschen nach dem Wind? Ich suche nach einem anhaltenden Glück, aber werde den Eindruck nicht los, dass dieses Glück auf dieser Erde wahrscheinlich gar nicht existiert... Wäre es nicht viel sinnvoller, sich einfach mit dem "normalen Leben" zufrieden zu geben, anstatt meine Energie in der ewige Jagd nach dem grossen Glück zu verschwenden?"

Genau über dieses Dilemma schreibt der brillante Autor C. S. Lewis in seinem Buch Pardon, ich bin Christ. Diese Passage hat mir kürzlich eine völlig neue Perspektive auf meine nagenden Fragen ermöglicht:

Die meisten Leute wüssten, wenn sie wirklich gelernt hätten, in ihre eigenen Herzen zu schauen, dass sie tatsächlich etwas wollen, ja sich schmerzlich nach etwas sehnen, was in dieser Welt nicht zu haben ist. Es gibt zwar in dieser Welt alle möglichen Dinge, die verheissen, einem dieses Etwas zu verschaffen, aber ganz einlösen können sie das nie. Die Sehnsüchte, die in uns aufsteigen, wenn wir uns zum ersten Mal verlieben, wenn wir zum ersten Mal über irgendein fremdes Land nachdenken oder wenn wir uns zum ersten Mal mit einem Thema beschäftigen, das uns begeistert, können durch keine Ehe, keine Reise und kein Studium jemals gestillt werden.

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Photo by Gabrielle Henderson / Unsplash

Lewis beschreibt daraufhin drei Möglichkeiten, mit dieser unstillbaren Sehnsucht umzugehen:

  1. Den Dingen selbst die Schuld geben. Der Partner ist eben doch nicht gut genug, der nächste Urlaub muss halt noch teurer und exklusiver sein, ich mache noch eine andere Ausbildung. Diese Haltung ist der direkte Weg, immer und immer wieder enttäuscht zu werden. Lewis nennt ihn den "Weg des Narren".
  2. Abgeklärt und "vernünftig" zu werden. Die Suche nach dem Glück als eine Angewohnheit der Jugend und der unreifen Menschen abzutun und den Teil des eigenen Inneren, der "nach den Sternen greifen" wollte, zu unterdrücken und "stillzulegen". Lewis schreibt: "Dieser Weg wäre sicherlich der beste, wenn der Mensch nicht ewig leben würde".
  3. Der christliche Weg:

Der Christ sagt: "Kein Geschöpf wird mit irgendeinem Verlangen geboren, wenn es für dieses Verlangen überhaupt keine Befriedigung gibt. Ein Baby hat Hunger: Nun, es gibt so etwas wie Nahrung. Ein Entenküken möchte schwimmen: Nun, es gibt so etwas wie Wasser. Menschen empfinden sexuelles Verlangen: Nun, es gibt so etwas wie Sex. Wenn ich aber in meinem Inneren ein Verlangen verspüre, das durch kein Erlebnis in dieser Welt befriedigt werden kann, dann ist die wahrscheinlichste Erklärung dafür die, dass ich für eine andere Welt gemacht bin.

Mein Gefühl täuscht mich also nicht - es scheint tatsächlich so, als dass mein innerstes Bedürfnis nach anhaltender Resonanz nicht auf dieser Erde gestillt werden kann. Das ist aber kein Grund zur Verzweiflung - im Gegenteil! Ich habe in meinem Glauben allen Grund zur Hoffnung - zur Hoffnung, dass ich diese anhaltende, beständige Resonanz, nach der ich mich sehne, einmal noch erleben darf. Die Bibel nennt diesen Ort den Himmel.

Fenster zum Himmel

Der Himmel wird es also richten. Heisst das jetzt, dass ich als "guter Christ" nur noch an den Himmel denke und auf Erden ein möglichst enthaltsames, asketisches Leben führen soll? Sollte ich nicht den Abglanz ignorieren, wenn ich das Echte doch noch nicht erreichen kann? Die kurzen irdischen Momente des Glücks könnten mich ja vom Echten ablenken. Doch Lewis verneint sofort:

Wenn keine meiner irdischen Freuden dieses Verlangen stillt, dann beweist das nicht, dass das Universum lauter Lug und Trug ist. Wahrscheinlich waren die irdischen Freuden nie dazu gedacht, es zu stillen, sondern nur dazu, es zu wecken und uns auf das Eigentliche hinzuweisen.

Die Resonanzmomente in unserem Leben sind also ein Geschenk Gottes, welche die Menschen auf Ihn selbst und die kommende Ewigkeit hinweisen! Eine Art Visitenkarte, ein Fenster zum Himmel.

Mir fällt an dieser Stelle ein Zitat von Steve Jobs ein. Er soll einmal zum weltberühmten Cellisten Yo-Yo Ma gesagt haben:

Dich spielen zu hören ist das beste Argument für die Existenz Gottes, das ich je gehört habe, da ich nicht wirklich glaube, dass ein Mensch das alleine tun kann.

Yo-Yo Ma

Für mich ist offensichtlich, dass Steve Jobs hier einen göttlichen Resonanzmoment der Ewigkeit erlebt hat. Was er wohl damit gemacht hat? Ich weiss es nicht. Aber ich habe mich neu gefragt, was ich denn mit solchen Momenten mache. Lasse ich zu, dass sie mich berühren und auf die Realität der Ewigkeit aufmerksam machen und mich hoffen lassen? Oder begrabe ich sie sofort mit vermeintlicher Vernunft und auf das Irdische fokussiertem Realismus? Aus lauter Angst, vom schnell verfliegenden Glück enttäuscht zu werden?

Der Duft aus der Küche

C. S. Lewis schliesst seinen Gedankengang mit folgenden Worten:

Wenn das so ist, muss ich einerseits darauf achten, diese irdischen Segnungen nie zu verachten oder undankbar dafür zu sein, und andererseits darauf, sie nie mit diesem anderen Etwas zu verwechseln, von dem sie nur eine Art Nachahmung oder Echo oder Traumbild sind. [...] Ich muss es mir zum höchsten Ziel im Leben machen, auf dieses andere Land zuzugehen und anderen helfen, sich ebenfalls auf den Weg dorthin zu machen.

Ich finde diese Schlussfolgerung absolut befreiend! Sie bedeutet, dass Gott diese wunderbaren "Resonanzmomente" geschaffen hat, um in mir die Sehnsucht und Freude auf die Ewigkeit wachzuhalten. Ich muss ihnen also nicht entsagen, ich muss mich nicht von einer "falschen irdischen Freude" fürchten, sondern ich darf sie suchen, sie geniessen, sie annehmen als Teil eines guten, erfüllten Lebens auf dieser Erde.

Gleichzeitig brauche ich den so schnell vergangenen Momenten auch nicht nachzutrauern. Ich weiss, dass diese wunderbaren Erlebnisse lediglich der Vorgeschmack sind, quasi "der Duft aus der Küche" welcher meinen Appetit weckt und mich ins Restaurant zieht, wo das wahre, das echte, das sättigende Essen auf mich wartet. Das tröstet mich und lässt mich hoffen.

photo of five people standing in front of food store
Photo by Linh Nguyen / Unsplash

Ich kann meine Erwartung an das Leben auf dieser Erde etwas lockern, muss nicht eine Erfüllung ersehnen, die es mir niemals geben kann. Die Ewigkeit kommt, der Himmel, wofür ich geschaffen bin, wird mir nicht vorenthalten sein.

Ich darf die Sehnsucht, dass die besten Momente möglichst für immer anhalten mögen, dankbar annehmen - sie ist eigentlich das Bedürfnis nach dem Himmel, dem Ewigen, dem vollkommenen Glück, welches Gott in jeden von uns hineingelegt hat. Ja, sie ist die Sehnsucht nach Ihm, dem Schöpfer selbst.

Und so mache ich mich weiter auf. Ich lasse mich ein auf unvorhersehbare Abenteuer. Ich lasse mich ein auf echte Beziehungen, die mich überraschen und manchmal auch erschrecken. Ich lasse mich ein auf meinen Gott, der immer wieder auf äusserst kreative Art und Weise Momente der Ewigkeit in mein Leben streut.


Die Zitate von C. S. Lewis sind alle im Kapitel "Hoffnung" des Buches "Pardon, ich bin Christ" zu finden.

Momente der Ewigkeit
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