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Ohne Gebet ist alles nichts

Emanuel Hunziker Emanuel Hunziker

Echtes Gebet bedeutet, dass ich mich schonungslos der Wahrheit aussetze. Das fällt mir oft schwer. Darum fliehe ich davor, weil ich vor der Wahrheit fliehe.

Johannes Hartl droppte kürzlich in seinem Montag Morgen Impuls wieder einmal eine Truth-Bomb 💣 vom Feinsten, die ich in diesem Beitrag für mich reflektiere.

Ein "Truth Bomb" (Englisch für "Wahrheitsbombe") ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für die plötzliche und oft schockierende Enthüllung einer ungeschönten, rohen Wahrheit.

Rohe Wahrheit konfrontiert. Idealistische Verzerrungen werden zu einem gestochen scharfen Bild korrigiert. "Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren." lautet der vierte der 12 Schritte bei den Anonymen Alkoholikern.

Welche Wahrheit?

Welcher Wahrheit setze ich mich aus im Gebet? Ich begegne der Wahrheit, dass ich begrenzt bin. Dass ich sterblich bin. Dass ich abgelenkt bin.

Gebet ist die demütige Anerkennung, dass ich nicht Gott bin.

Die Wahrheit lautet: Ich bin bin nicht der Mittelpunkt des Universums. Auch verdanke ich mein Dasein nicht mir selbst.

Im Gebet kann ich nicht produktiv sein. Kann keine messbare Leistung erbringen. Hab danach nichts vorzuzeigen, was mir Status bringt.

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Photo by Mathias Reding / Unsplash

Jetzt hilft nur noch beten

Des Öfteren denke oder handle ich so. "Jetzt hilft nur noch beten!" beinhaltet ein Stück Wahrheit. Ich sage es dann, wenn ich die Kontrolle komplett verloren habe.

"Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Angehörigen." höre ich Politiker sagen, die nach einer Katastrophe mit Verletzten und Toten Stellung nehmen müssen. Wir sagen es dann, wenn sonst gar nichts mehr hilft.

Bei vielem im Leben hilft sonst gar nichts mehr. Wir haben vieles im Leben einfach nicht in der Hand.

Absagen und Loslassen

Im Gebet sind meine Hände offen und leer. Ich lasse los. Nicht immer weil ich will, sondern weil ich nicht mehr weiter weiss. Weil ich mein Bedürfnis nirgends sonst stillen kann. Mein Hunger nach Trost, Halt, Liebe.

Gebet ist eine Absage an das selbstherrliche, grandiose, menschliche Ego.

Mein Ego meint, es kann alles alleine schaffen. Mein Ego glaubt, es kann sich selbst retten. Mein Ego blockiert jegliche Hilfe von aussen und argumentiert schlau und geschickt.

Die ganze intellektuelle Welt des Westens der letzten Jahrhunderte betont wahnsinnig stark die Fähigkeit des menschlichen Intellektes, die Natur zu beherrschen, zu durchdringen, vorherzusagen.

Wir verdanken dieser Art von Vernunftkonzept sehr viel technologischen Fortschritt. Aber es hat uns auch ärmer gemacht.

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Photo by Marian Jenis / Unsplash

Staunen beginnt beim Unverfügbaren

Das Staunen, das Ehrfurcht haben, das sich einschwingen, das sich berühren
lassen von der Realität, das beginnt eigentlich erst dort, wo ich nicht alles
verstehen kann. Es ist dort, wo etwas unverfügbar und geheimnisvoll bleibt. Im Gebet begegnen wir dieser Dimension.

Gebet ist auch ein Ja zum Machtverlust. Ein Ja zum Kontrollverlust. Ein Ja zum Nicht-alles-verstehen. Ein Ja zum Dunkeln.

Dieses Ja zum Dunkeln musste ich lernen. Ich lernte es besonders dann, als mir keine andere Wahl blieb. Als ich mit 23 Jahren nach mehreren Jahren innerer Kämpfe und Überforderung in eine Erschöpfungs-Depression fiel, hielt ich mich an einem Wort von Apostel Petrus fest:

So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. 1.Petrus 5,6

Petrus kannte die dunkle Nacht der Seele aus seinem eigenen Leben. Er berichtete mir damals, dass eine Zeit kommen wird, in der mich Gott wieder aufrichtet. So liess ich los und liess mich fallen. In Gottes gewaltige Hand.

Der Beter macht immer wieder die Erfahrung: Da kommt mir jemand entgegen. Ich werde gehalten. Es gibt Quellen, von denen ich gar nichts ahnte. Ein Licht kommt auf einmal und dämmert sanft herauf. Und das Leben beginnt zu atmen.

Was dann geschah, prägte meine Biographie nachhaltig. Ein neues Mass an Ehrfurcht füllte mein Leben. Ich erlebte existentiell, was Gnade bedeutet. Gottes Gnade wirkte schon vorher. Aber erst im Loslassen (müssen), konnte ich sie erkennen und mein Leben bewusst auf diese Gnade ausrichten.

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Photo by jörg meier / Unsplash

Die tiefste Wahrheit im Gebet

Echtes Gebet bedeutet, dass ich mich schonungslos der Wahrheit aussetze. Das fällt mir oft schwer. Darum fliehe ich davor, weil ich vor der Wahrheit fliehe.

Die tiefste Wahrheit im Gebet ist, dass irgendwie alles gut ist, auch wenn nicht alles gut ist. Die tiefste Wahrheit ist, dass Gott da ist.

Gott ist da. Nur ich bin oft nicht da. Ich bin oft nicht in der Realität. Im Gebet komme ich zurück zu dem Ort, wo Gott ist. Gott ist gut. Gott bleibt gut. Und darum kann ich im Gebet das Gute erleben, dem Guten begegnen, auch wenn es mir nicht gut geht.

Gebet ist zurückkommen ins Hier und Jetzt. Zurück in die Wahrheit, die gar nicht bedrohlich ist. Die gut ist, weil sie gehalten wird von Gott, auch wenn ich oft erst einmal davonlaufe.

Gebet ist nicht alles. Aber ohne Gebet ist alles nichts.

Ohne Gebet ist alles nichts
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