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Geschoren, aber nicht verloren

Lukas Lukas

Wer sich einen Bart wachsen lässt, erhält viele Rückmeldungen: Von "Das sieht gut aus!" bis "Jetzt siehst du aus wie ein Boomer!" Haben Haare eine solch wichtige Bedeutung?

Haare waren in der Geschichte immer wieder ein Statussymbol:
Bei den Wikingern und Samurai stand das für die Stärke des Kriegers.
Bei den Sikhs bedeutet langes Haar spirituelle Stärke. Und bei den Sioux-Indianer steht das Haar für Würde und Identität. Folglich entzog man jemandem die Würde, indem man ihn skalpierte. Mit Haaren werden Eigenschaften verknüpft. Wer geschoren wird, verliert diese Eigenschaften. Das ist eine Demütigung, ein Zeichen des Nicht-Dazugehörens und ein Zeichen von Schwäche.

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Photo by Boston Public Library / Unsplash

In der modernen Schweiz scheint das keine grosse Rolle mehr zu spielen – und doch ist es noch da. Viele, denen die Haare ausfallen, leiden darunter. Es gibt inzwischen eine ganze Industrie, die versucht, in irgendeiner Weise dem Haarausfall entgegenzuwirken. Und wenn es heute kulturell nicht mehr als schlimm gilt, kahl zu sein, fühlen sich doch viele Menschen ihrer Stärke, Würde oder Identität beraubt. Du fühlst dich kahl und geschoren, wenn du von dir denkst:

  • Ich bin schwach, ich erreiche nichts, mir fehlt der Biss.
  • Ich bin nicht schön genug, um bei anderen gut anzukommen.
  • Ich habe Fehler gemacht, die mich aufs Abstellgleis gebracht haben.
  • Ich funktioniere nur noch und lebe an dem vorbei, wofür ich eigentlich brenne.

Solche Gedanken sind Anzeichen dafür, dass du dich geschoren fühlst. Irgendetwas oder irgendjemand hat dich bildlich gesprochen geschoren.
Doch wenn du geschoren bist, bist du nicht verloren. Das ist nicht dein Ende.

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Photo by Trevor McKinnon / Unsplash

Gott hat dich reich beschenkt

Im Alten Testament sind lange Haare ein Zeichen dafür, dass sich jemand Gott weiht:

Bis die Zeit um ist, für die der Betreffende sich dem HERRN geweiht hat, gehört er dem HERRN allein. Als Ausdruck dessen soll er seine Haare wachsen lassen. Solange das Gelübde gilt, darf die geweihte Person sich das Haar nicht schneiden und sich nicht rasieren. 4. Mose 6,5

Diese Personen werden Nasiräer genannt. Das bedeutet: Ihre Stärke, ihre Würde und ihre Identität beziehen sie aus Gott, und das lange Haar ist ein sichtbares Zeichen dafür. Ein besonders bekannter Nasiräer ist Simson. Er ist jedoch ein spezieller Fall, weil Gott zu seiner Mutter sagt:

Seine Haare dürfen niemals geschnitten werden, denn von Mutterleib an wird er Gott geweiht sein. Mit ihm wird die Rettung eures Volks aus der Gewalt der Philister ihren Anfang nehmen. Richter 13,5

Simson ist also nicht nur für eine bestimmte Zeit Gott geweiht, sondern sein ganzes Leben lang. Er hat einen Auftrag, eine Mission. Diese Weihung verleiht ihm eine aussergewöhnliche Kraft, sodass er Dinge tut, die für ihn beinahe selbstverständlich wirken:

Bei den Weinbergen der Stadt bog er alleine vom Weg ab und sah sich plötzlich einem brüllenden jungen Löwen gegenüber. Da kam der Geist des HERRN über ihn. Simson riss den Löwen mit blossen Händen in Stücke, als wäre es ein kleines Ziegenböckchen. Richter 14,5b-6a

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Photo by Matthew Kerslake / Unsplash

Das lässt sich auf jeden Menschen übertragen:

  • Wir sind dazu bestimmt, für Gott zu leben.
  • Jede Person hat eine Mission, etwas, wofür das Herz brennt. Das ist ein Geschenk Gottes.
  • Jede Person hat eine Kraft, durch die Dinge gelingen, die für andere wie „Löwenaufgaben“ wirken.

Pflege das, was dir Gott geschenkt hat

Es gibt Phasen, in denen du deine eigenen Gaben nicht wahrnimmst oder nicht nutzt, weil der Glaube daran fehlt. Stattdessen jagst du anderen Dingen nach, von denen du dir Erfüllung erhoffst. Dabei tauschst du das, was das Leben eigentlich wertvoll macht, für etwas ein, das dich in Frage stellt. So handelte auch Simson.

Eines Tages ging Simson nach Timna und sah eine junge Philisterin, die ihm gefiel. Richter 14,1

Eines Tages ging er nach Gaza. Dort sah er eine Prostituierte und ging zu ihr ins Haus. Richter 16,1

Einige Zeit später verliebte sich Simson in eine Frau namens Delila, die im Sorek-Tal wohnte. Die Fürsten der Philister gingen zu ihr und forderten sie auf: »Lass deine Reize spielen und finde heraus, woher Simsons ungewöhnliche Kraft kommt und wie wir ihn überwältigen können. Richter 16,4–5

Simson hat aufgehört, daran zu denken, was er geschenkt bekommen hat und hat stattdessen die Bestätigung in einer Frau gesucht. Die Frage stellt sich: Womit beschäftigst du dich? Worauf richtest du deinen Blick?

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Photo by mostafa meraji / Unsplash

Delila setzte Simson solange unter Druck, sein Geheimnis preiszugeben, bis er die Freude am Leben verlor. Wie kann ein Mensch, der so beschenkt ist, die Freude am Leben verlieren? Diese Frage richtet sich nicht nur an Simson, sondern auch an jeden von uns. Am Ende verrät Simson sein Geheimnis und verspielt damit Gottes Gunst. Während er schläft, werden ihm die Haare abgeschnitten.

Das beschreibt auch eine geistliche Realität: Das Bekenntnis zu dem, was Gott sagt, mag bestehen bleiben, aber der handelnde Glaube daran geht verloren. Stattdessen baust du auf deine eigene Kraft. Und genau dann geschieht es: Du wirst „geschoren“.

Das Geschenk, das sich erneuert

Die Philister aber packten ihn und stachen ihm die Augen aus. Sie brachten ihn nach Gaza, legten ihm bronzene Fussfesseln an und warfen ihn ins Gefängnis. Dort musste er mit der Hand Korn mahlen. Doch allmählich begann sein abgeschorenes Haar wieder zu wachsen. Richter 16,21–22

Gott legt seine ganze Gaben und Gunst für Simson in diese Haare. Und Simson verspielt diese Gunst. Aber das faszinierende an Haaren ist, dass sie nachwachsen. Und so wächst auch Gottes Gunst für Simsons Leben nach.

Dass sich Simson mit Gott versöhnt, lässt sich daran erkennen, dass er die Quelle seiner Kraft eben nicht in seinem Haar sieht, sondern in Gott. Seine letzten Worte lauten:

O HERR, mein Gott, bitte denk an mich. Bitte, o Gott, gib mir ein letztes Mal Kraft. Richter 16,28

Das gilt auch für dich: Gottes Gunst, seine Liebe, seine Treue, seine Gaben wachsen täglich nach. Es bleibt die Frage: Im natürlichen Leben endet Haarwachstum irgendwann. Warum sollte es bei Gott anders sein?

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Photo by Donald Teel / Unsplash

Die Antwort liegt in Jesus Christus. Er ist die Gunst Gottes in menschlicher Gestalt. Er ist das eigentliche Geschenk an uns, das wir unverdient empfangen haben, das verloren ging – und wiederhergestellt wurde. Er wurde verworfen, ist gestorben und auferstanden. Er ist die wiederkehrende Gunst Gottes, die Haarpracht in deinem Leben, die täglich nachwächst.

Darum gilt: Egal, wie sehr du dich vom Leben gedemütigt fühlst, durch deine eigenen Fehler und Schwächen, egal, wie sehr du dich geschoren fühlst, weil du Gottes Gunst verspielst hast: Die Gunst Gottes für dein Leben, die wächst wieder nach. Der Eindruck, auf dem Abstellgleis zu stehen, entspricht nicht Gottes Realität. Die Gunst und Gabe Gottes über deinem Leben, das Haar, das dir Würde, Identität, Stärke und Mission gibt, ist jeden Tag neu für dich. Oder wie es Paulus formuliert:

Denn die Gaben und die Berufung Gottes sind unwiderruflich. Römer 11,29

Geschoren, aber nicht verloren
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